Eine Branche in der Krise

Quo vadis
Unverpackt?

Es ist bisweilen eine Gratwanderung zwischen Informieren und Jammern. Dennoch möchte ich über die Herausforderungen berichten, in diesen Zeiten einen Unverpackt-Laden zu führen, und das möglichst ohne viel „mimimi“ 😉

Insgesamt gibt es knapp 500 Unverpackt-Läden in Deutschland. Nach einem Boom im Jahr 2019 schließen diese jedoch gerade reihenweise. Manche ziehen bereits nach knapp einem Jahr die Reißleine, andere gehören seit Jahren erfolgreich zur Branche und melden doch gerade Insolvenz an. Auch vor Bioläden und Fairtrade-Geschäften macht die Krise nicht halt. Nach Corona-Pandemie setzt nun der Ukraine-Krieg und die damit verbundene Inflation nicht nur der Branche, sondern dem ganzen Einzelhandel zu. Ein Grund für die ausbleibende Kundschaft ist sicherlich auch ein schwindendes Umweltbewusstsein. Es sind einfach zu viele Krisen auf einmal, da rutscht das Problem Klima, Umwelt, Artensterben erschreckenderweise ein wenig aus dem Fokus.
Hinzu kommt eine tägliche Berichterstattung, die von Preiserhöhungen berichtet, so dass sich bei vielen der Glaube festsetzt, dass sie sich jetzt erst recht keinen Einkauf mehr im Unverpackt-Laden, der meist ja auch ein Bio-Laden ist, leisten können. Dabei kann man gerade bei einem bedarfsgerechten Einkauf richtig viel Geld (und Müll) sparen, und den Preisvergleich mit dem hiesigen Supermarkt brauchen wir – wie unser Beitrag „Die unverpackte Wahrheit“ zeigt – auch nicht zu scheuen.

Wir brauchen euch!

„Wir brauchen euch!“, so lautete der dramatische Appell im Abendblatt von Katrin Kahnert und Nadia Mispelbaum, Betreiberinnen von „Die Waagschale“ in Norderstedt. Ähnlich formulierte es Jochen Krämer vom Krämerladen in Wermelskirchen, bei dem der WDR zu Besuch war. Auch wir stellen seit April größere Abweichungen zu unserem bislang doch sehr akkurat geplanten Business-Plan fest. Wir freuen uns über den großen Zuspruch für unseren Laden, über unsere tolle Stammkundschaft, doch haben wir nach einem Jahr eindeutig mit mehr Kundinnen und Kunden pro Tag gerechnet.
Neue Menschen für den Laden zu begeistern, ist kein Selbstläufer, das wissen wir. Aber ohne überhaupt einen Schritt in unseren Laden zu machen, kann man uns, das Sortiment und die Vorteile des Unverpackt-Einkaufs eben nicht kennenlernen. Da helfen uns auch die Herzen in den sozialen Medien nichts, wenn am Ende die Einkaufs-Routinen doch nicht verändert werden. Hier klafft leider häufig ein ziemliches Attitude-Behaviour-Gap, ein Phänomen, das wir bei guten Vorsätzen – nicht nur zu Jahresbeginn – nur zu gerne bei uns entdecken. Erschwerend kommt dazu, dass Mindestbestellmengen von vielen Großhändlern in diesem Jahr erhöht wurden und teilweise nur noch mit Gemeinschaftsbestellungen zu schaffen sind.

Dramatisch ist , dass mit dem Schließen von Bio- und Unverpackt-Läden auch die regionale Vielfalt auf unseren Äckern gefährdet ist. Sonderkulturen wie zum Beispiel Linsen, Lupinen, Kichererbsen, Quinoa, Soja, die von kleinen, deutschen Bio-Betrieben gepflegt werden, finden im Zweifel keine Wiederverkäufer mehr, denn kaum ein Discounter oder Supermarkt führt diese besonderen Produkte, die gerade in der jetzigen Zeit für unsere zukünftige Ernährungssicherheit so wichtig sind.

Gibt es eine Lösung?

Ein Sprichwort lautet: „Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun, dann werden sie das Gesicht der Welt verändern.“ – deshalb freuen wir uns über den Studenten, der einmal pro Woche seine Haferflocken und rote Linsen bei uns auffüllt, genauso wie über die Rentnerin, die regelmäßig Spüli benötigt und sich durchs Müslisortiment probiert. Die vielen kleinen Leute, die ihre kleinen oder auch großen Einkäufe bei uns und allen Kolleginnen und Kollegen tätigen, die brauchen wir alle. Jede und jeder so wie sie oder er mag oder kann.
 Also, kommt vorbei, lernt uns und unser Sortiment kennen. Und wenn ihr uns schon kennt, bringt gerne Freunde mit.

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